160 Zeichen
Zu kurz, um Inhalte korrekt zu übermitteln, aber lang genug um Missverständnisse zu erzeugen: die SMS (Short Message System).
“Fahr jetzt weg!” – teilt mir eine SMS mit, leider ohne mir zu sagen von wo und wohin der Absender nun unterwegs ist. Was insofern gut wäre, als ich meinen Zeitplan dann eventuell entsprechend anpassen könnte.
Einen alltägliche Nachricht, die zeigt, dass “gut gemeint” nicht immer gleich zu setzen ist mit “gut gemacht”. Aber dafür umso typischer für eine Kommunikationskultur, die sich in den letzten Jahren wie rasend verbreitet hat.
Nicht nur Youngsters nutzen virtuos die 160 Zeichen einer SMS um wichtige und (meist) weniger wichtige Infos zu verbreiten. Auch Ältere nehmen bevorzugt die Tasten in die Hand und schicken ihren Lieben, Geschäftspartnern, Mitarbeitern etc. Messages, anstatt das direkte Gespräche per Telefon zu suchen.
Kryptische Inhalte, situationsbedingte Abkürzungen, Emoticons (Smileys etc.) und Akronyme wie “lol” (laughing out loud) oder “imho” (in my humble opinion = meiner Meinung nach) bringen die Ganglien des Empfängers bei der Übersetzung arg in Schwingung. Und vermitteln leider nicht immer das erwünschte Ergebnis.
Ist es uns Menschen schon in einem Face-to-Face Gespräch mit Leichtigkeit möglich, die Botschaften des Gegenübers anders zu verstehen, als sie vom Sender gesprochen wurden – wieviel mehr an Komplikationsmöglichkeiten bieten dann die bewusst kurz und knapp gehaltenen SMS?
“Seid besorgt, Bericht folgt” - schreibt ein junger Mann auf Auslandsaufenthalt in einem Telegramm, eine Szene aus Friedrich Torbergs “Tante Jolesch”.
Schon damals, als jedes Wort kostbar war, weil im telegraphischen Versand sehr teuer, beschränkte man sich auf das Wesentliche. Und vergaß dabei, das “das Wesentliche” immer eine sehr subjektive Sichtweise ist und der Empfängr einen ganz anderen Blickwinkel haben kann als man selbst.
Heute, wo Handytarife mit bis zu 1.000 SMS im Monat die Frage nach den Kosten nicht mehr als Barriere in den Raum stellen, kann eine solche Kurz-Nachricht einen wahre Flut an Antworten mit Bitte um Aufklärung hervorrufen.
Im Endeffekt sitzt man dann beim Lesen, Nachfragen, Beantworten und Aufklären des gordischen Message-Knotens länger, verbraucht mehr Gedankenkraft aber auch Kreativität beim Spintisieren, Entziffern, Entwerfen der Inhalte, als man schlussendlich mit einem langen, guten Telefongespräch Zeit “vertan” hätte.
Ein solches SMS-”Gespräch” kann sich dann schon auch über einen ganzen Tag und länger ziehen. Von den emotionalen Nachwirkungen, eklatante Missinterpretationen betreffend, mal ganz abgesehen.
Seit kurzem sind ja in manchen Ländern auch Scheidungen per SMS möglich. Trennungen via Kurz-Nachricht sind sowieso an der Tagesordnung. Und so praktisch: die lautstarken Diskussionen, Tränen und Wutausbrüche werden auf ein paar Zeichen zusammen gezogen und alles ist erledigt. Zunge zeigen inklusive :-p
Deto bei Liebesbezeugungen: eine virtuelle Rose @-’-)– , ein Kuss
oder deutlicheres zeigen einen Weg in eine zwar emotional eingeschränkte, aber dafür nun wirklich dem absoluten Safer-Sex geweihte Beziehungszukunft. Wie soll man sich auch nur mittels 160 Zeichen in gesundheitliche Schwierigkeiten bringen? Einzig die Daumen und die Psyche leiden ein wenig.
“Wann beginnt meine nächste Stunde?”, will mein Sohn wissen. Stundenpläne sind etwas Altmodisches, nur Mütter und Lehrer haben diese noch bei sich. Von letzteren hat er keine Nummer, von mir leider schon. “Leider” in diesem Fall allerdings beidseits: sein SMS lese ich, arbeitsbedingt, erst Stunden später.
Die Antwort “Morgen früh” hat ihn dann auch nicht wirklich glücklich gemacht. Dafür aber fürs Leben gelehrt: SMS sind schnell geschrieben, schnell gesendet – aber der Empfänger bestimmt ob und wann er sie liest, und auch ob er das Gelesene verstehen will und wie.
“Ruf mich an”, bittet eine Freundin per SMS … “Gerne
”, schreib ich zurück und wähle ihre Nummer.

