Neue Götter im Olymp

Neue Götter im Olymp

Seit sich “denglisch“, eine Mischung aus deutsch und englisch, zur bevorzugten Sprache im deutsch-österreichischen Webraum entwickelt hat, tut sich  zwischen dem Einsetzen und richtigen Verstehen der Begriffe oft eine weite Kommunikationslücke auf. Manchmal mit kabarettreifen Interpretationen.

“Wer oder was ist Todo?” - fragt mich eine Freundin, die einen Blick auf mein Iphone geworfen hat. Ich brauche ein bisschen um zu verstehen was sie meint – und muss unwillkürlich lächeln: Sie hat die englische Phrase “to do”, die meine Dringend-zu-erledigen-Liste kennzeichnet, als “TODO”, ähnlich einem Papageiennamen, ausgesprochen.

In weitere Folge (und nach heiterer Aufklärung) beginnen wir andere Web-Anglizismen zu hinterfragen, neu zu interpretieren und in den Olymp zu heben.

So erinnert uns “LOGIN” spontan an (seinen älteren Bruder?) “ODIN”. Bevorzugtes Herrschaftsgebiet: göttlicher Hüter und Verwalter der Anmeldungen in allerlei Bereichen. Das Vergessen von Passwort und Benutzername wird mit kalter Missachtung und Verweigerung aller Zutritte bestraft. Erst ein demütiges Ansuchen via “Passwort vergessen”-Petition bringt Vergebung und  Zugang zu den göttlich geschützten Bereichen.

Die eingangs erwähnte “TODO”, definitiv eine weibliche Gottheit (unserer Meinung nach), erinnert uns liebevoll mahnend an das, was wir gelobt haben zu tun. Ist selbiges erledigt und durch Abhaken, Durchstreichen gekennzeichnet, lässt sie die Erinnerung daran in den unendlichen Tiefen des PC-Universums verschwinden.

“SUBMIT” widerum dürfte ein Sohn von “LOGIN” sein – sein Tätigkeitsbereich ist dem des Vaters ähnlich. “SUBMIT” hütet die Bereiche, wo wir uns zu Newslettern, Foren und dergleichen anmelden. Das dies oft mit gewissen Tiefgang verbunden ist (speziell wenn das Formular sehr ausführlich gehalten ist) impliziert schon der Name: “SUB“, aus dem lateinischen kommend, steht für unter, um, gegen, unterhalb. Unsere freie Übersetzung: teile auch das “MIT“, was  du unter (SUB) Umständen und bei anderen Gelegenheiten nicht so leicht aus dem Unterbewusstsein (SUB-Bewusst-Sein?) verlautbaren würdest. “SUBMIT” scheint demnach auch im Bereich Verführung aktiv tätig zu sein.

Bei einem “SUBMITTENT” (lt. Duden: jemand, der sich um einen Auftrag bemüht) oder einer “SUBMITTENTIN” (weibliche Form) dürfte es sich demnach um Jünger des  alles wissen wollenden “SUBMIT” handeln.

“CANCEL”, die gütige Schwester von “SUBMIT” ist da wieder ganz anders: ein Klick und sie löscht konsequent und rasch all das, was wir bewusst oder auch nicht wirklich mit Bewusstsein im Formular eingetragen haben. Sie verlangt nicht viel und ist stets für unsere Vertipper da. Manche nennen sich auch liebevoll: Hüterin der Kreditkarten. Hat sie doch durch herzhaftes Löschen nach dem Klicken viele schon vor der schmerzhaften Überziehung des Kontorahmens bewahrt. Ihre Hilfsgeister findet man übrigens (speziell auf der Tastatur) unter “DEL” (auch “DELETE“) oder “ENTF” (für ENTFERNEN).

Bei “TWITTER” dürfte es sich um einen sehr geschwätzigen Olympier handeln: der Gott des Tratsches und der seltsamen Meldungen. Er bringt uns Menschen dazu alles, von dem wir glauben, dass es andere u.U. interessieren könnte (oder auch nicht), zu verkünden. Einmal in seinem Dunstkreis gelandet, kann diese Form der Verehrung sehr drastische Ausmaße annehmen. Er hat in einigen anderen Bereichen übrigens Komplizen gut getarnt versteckt: bei XING findet man seinen Helfer unter dem Punkt “STATUSMELDUNG“.

Für die, die mehr mitteilen wollen empfiehlt sich der immer hilfreiche und für alles offene “BLOG” – dieser gewährt fast unendlichen Raum für alles, also wirklich alles was wir unseren Mitmenschen schon immer und nun besonders sagen wollten. Beichten und Stammtisch war früher – heute gibt es für kurze Wortspenden und Geständnisse “TWITTER“, für längere “BLOG“.

… diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen – tun Sies! Spielen Sie mit Wörtern und Begriffen, jonglieren Sie mit den Bedeutungen und erlauben Sie sich, der Kreativität im Sprachraum einen Platz zum Tanzen einzuräumen. Einerseits macht es Spaß (und es ist ja Fasching ;-) ) und andererseits trainiert es die Flexibilität beim Denken, Reden, Schreiben.

Angenehmer Nebeneffekt: neue, technisch-moderne Vokabeln verlieren ihren Schrecken und bekommen einen menschlich, leicher annehmbaren Aspekt. Nebenbei merkt man sich den Begriff auch leichter.

Das Spiel mit Worten lässt sich übrigens auch auf nicht-englische und nicht-internette Bereiche ausdehnen. Oder wollten Sie nicht auch schon mal BLUMENTO-PFERDE reiten und reife SPIELAU-TOMATEN mit Basilikum garnieren?

Viel Spaß beim Wörter-pflücken und der Gestaltung des persönlichen Götterreigens. ;-)