Sumpfschnecken & Profil-Zombies

Sumpfschnecken & Profil-Zombies

Schon wieder eine Sumpfschnecke gefunden”, sagt ein Freund neben mir, während er auf Facebook herumsurft. “Wie meinen?”, frage ich etwas verwirrt.
“Na ja, ein totes Profil. Also irgendwann mal angemeldet, nix getan, nix reingestellt und seit ewigen Zeiten im Sumpf verschwunden aber die Spur sieht man noch.
Ich nenne solche Profile Sumpfschnecken.”

Schöne, neue virtuelle Welt – hier bestimmen mediale Aktivität über Sein und Nichtsein. Wer drin ist, ist vielleicht “IN” aber nur dann, wenn er oft “ON” ist. Sonst ist er nicht nur “OUT” sondern auch gleich mit dem virtuellen T.O.T-Syndrom versehen oder wird als kriechender Moorbewohner tituliert.

Facebook, Xing, LinkedIn, Twitter, YouTube, My Space … und noch viele mehr laden zum Social-Media-Networking und alle kommen. Was von aussen ähnlich einem Stammtisch-Treffen oder Chillen mit Freunden in der Bar des Vertrauens aussieht, präsentiert sich real als große weite WWW-Welt, wo jeder mit jedem befreundet sein kann, wenn er/sie will, und wo man (wie auf einem Wochenmarkt) seine Meinung, Ideen, Waren laut schreiend präsentieren kann. Aber wenn es dann mal aus ist mit der Lust am getwitterten Buchstaben-talking und Fotos-von-allem-verbreiten, zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, den Hut zu nehmen und wieder zu gehen.

Mit den AGBs bestätigt man, dass man seine Daten und in weiterer Folge auch das, was man postet (also auf der jeweiligen Plattform verbreitet), in den großen, langhaltenden Datenspeicher des Medien-Netzwerkes übergibt.

In letzter Zeit mehren sich hier vermehrt die Bedenken von Datenschützern. V.a. weil die meisten Netzwerke in den USA heimisch sind und das dortige Datenschutzgesetz ein wesentlich … nun ja, … freieres ist als das europäische. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zu den Sumpfschnecken: wer früher oder später erkennt, dass das virtuelle Treiben nicht dem eigenen Lebensrhythmus und der persönlichen Auffassung entspricht, muss erkennen, dass das schnell angelegte Profil nicht gleich wieder gelöscht werden kann. Denn auch das steht in den spannend zu lesenden Geschäftsbedingungen.

Manchmal hilft eine mailige Bitte an das jeweilige Headquater der Plattform, aber in den meisten Fällen resignieren die Profilinhaber und löschen ihre Social-Media-Tätigkeit nur aus dem eigenen Gedächtnis. Der internette Speicher zeigt sich da allerdings weniger nett – das Web vergisst nichts und niemanden. So entstehen täglich zig-tausende “tote” oder vielmehr untote Profil-Zombies. Datenwüsten, die für Private vielleicht dann und wenn (wenn darauf angesprochen oder per Mail von der Plattform erinnert) als lästig empfunden werden. Die aber für unternehmerisch Tätige erhebliche Nachteile mitbringen können.

In Zeiten, wo vielerorts entschieden wird, dass nur der existiert, der auch im Web zu finden (zu googeln) ist, ist ein ungepflegtes Profil marketingtechnisch negativ. Dann ist es wirklich besser, lieber gar nicht aufzuscheinen, denn als “Zombie” gefunden zu werden. Die Verlockung, sich mal eben anzumelden und dann nie wieder hineinzuschauen ist groß. Das Bewusstsein, dass diese Tätigkeit absolut nicht mit einem kurzen Abstecher in einem Lokal, das man sofort wieder ungesehen verlässt, zu vergleichen ist – dieses Bewusstsein ist gering bis nicht vorhanden.

Kritisch wird es dann noch, wenn man sich dazu hinreißen lässt, den virtuellen Stammtisch mit dem realen zu verwechseln und seine Meinung unzensuriert hinausschreit. Am Stammtisch hören das nur die unmittelbar umstehenden (und verbreiten das dann mündlich im meist überschaubaren Rahmen). Auf der Social-Media-Plattform kann es jeder lesen – Freunde, die man schnell “added”, auch wenn man sie vielleicht gar nicht mal kennt. Und, sofern die Privatsphären-Einstellungen nicht entsprechen sicher eingestellt sind, auch alle anderen. Wie zum Beispiel Kunden, Mitarbeiter, Konkurrenten, potentielle WählerInnen – oder Arbeitgeber, wenn man unselbständig tätig ist.

Daten und Infos haben im Web kein Ablaufdatum. Erst wenn der Inhaber der Datenbank, wo alles gespeichert wird, beschließt, dass etwas gelöscht wird, erst dann kann das Web beginnen zu vergessen. Doch was in dem eingen Fall gut ist, nämlich dass Infos global im Schneeballprinzip verbreitet werden können (Stichwort virales Marketing), ist im Hoffnung-auf-Vergessen-Fall schlecht: auf Facebook z.B. genügt ein Klick und ein Freund kann die eben gepostete Meldung auf seinem eigenen Profil weiterverteilen … und der nächste … und so weiter …

Social Media Netzwerke: sie sind toll und eine kommunikative Revolution! Ein ausgezeichnetes Marketing-Werkzeug  und auch im Bereich der journalistischen Recherche (Stichwort PR Kampagne) nicht mehr wegzudenken.

Aber sie sind auch eine gesellschaftliche Herausforderung: will ich wirklich, dass alle alles von mir wissen und das alles, was ich jemals von mir im Web verbreitet habe, unendlich lang gespeichert werden kann?

“Facebook ist Stasi auf freiwilliger Basis!”, sagt Michael Niavarani in einem seiner Bühnensketches (für Interessierte hier auf Youtube zu sehen). Eine harte Ansage, aber sie zeigt pointiert auf, worum es bei all diesen Plattformen geht. Der Mensch hat ein Grundbedürfnis danach sich mitzuteilen. Die Plattformen bieten den Raum dafür. Doch der Mensch, der zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit hat, eigene und unzensurierte Informationen in Sekunden weltweit verbreiten zu können, muss erst lernen, mit dieser Kommunikationsform sicher (und sinnvoll) umzugehen.

Wir erleben einen weitere Evolution in der Menschheitsgeschichte, diesmal im Bereich Kommunikation. Vielleicht erleben wir auch, dass wir sie zu nutzen lernen. Damit Sumpfschnecken und Profil-Zombies ihre mediale Präsenz nur in Tierdokus und Horrorfilmen ausleben müssen.