Die Sache mit dem Sex und der Werbung
Wieder einmal herrscht Aufregung im Blätterwald: eine Brauerei wirbt für dreierlei Biersorten mit dreierlei leicht bekleideten Damen. “Skandal!”, schreien die einen, “Eh ganz ok …”, meinen andere. Fact ist: es wird darüber geredet, gestritten, diskutiert und natürlich wird das Bier auch probiert.
Die einen nennen diese Werbeform sexistisch, die anderen ästhetisch. Einige sagen, dass das nichts mit Bier zu tun hat, andere argumentieren: doch, es geht um Genuss!
Und nochmal: der Effekt ist, dass alle darüber reden, streiten, diskutieren und das Bier konsumieren.
Womit ein wichtiger Marketingpunkt doppelt aufgeht: der Bekanntheitsgrad und der Umsatz steigt.
In ein paar Tagen erscheint dann der nächste Spot, das nächste Plakat, der nächste Film der ein Produkt mittels Erotik verkaufen will – und es, sofern er entsprechend provoziert, auch tun wird. Dann wird wieder geredet, gestritten, diskutiert und das Produkt … wird bekannter und konsumiert.
Hier gehts nicht um “bad news is good news” – hier gehts um ein Werbe-Basic, dass seit 100 Jahre mit Erfolg eingesetzt wird. Sex & Werbung sind ein Team, das gerne und erfolgreich auftritt. Es gibt hierbei Kampagnen für jeden Geschmack, mal intellektuell, mal (wahrlich) primitiv und meist am erfolgreichsten wenn leicht bis mittelschwer provokativ.
“Oversexed and underfucked” – nennt dies Bernhard Ludwig in seinem Seminarkabarett. Und recht hat er. Die Nackte-Haut-Quote nimmt eher zu als ab, auch wenn Statistiken beweisen wollen, dass in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs (die wir laut Presse nun angeblich wieder haben) die Körper bekleideter sind. Je mieser die Wirtschaftslage, desto kürzer der Rock, desto mehr Haut in plakativer Ausführung.
Gerne und rasch wird bei sexy Werbesujets auch der Werberat bemüht – er möge dieses oder jenes verbieten. Mal passiert dies, mal nicht und da diesbezügliche Entscheidungen naturgemäß etwas länger zur Entschlussfindung brauchen, redet meist schon niemand mehr davon, wenn sie dann endlich getroffen werden.
In der Werbung wird diese Taktik uneingeschränkt weiter eingesetzt. Weil es funktioniert und wirkt. Und solange Konsumenten “ja” dazu sagen, wird dieses System verwendet. Da auch bei der wunderschönen Droge “Sex” die optische Dosis im Laufe der Zeit erhöht werden muss, damit sie weiter funktioniert, wird die Spannung noch weiter steigen, werden Grenzen noch weiter ausgereizt werden.
Zurück zu Bernhard Ludwig: sein Ausspruch zeigt einen Ausweg aus diesem uralten Dilemma. Das weniger mehr ist, weiß man ja mittlerweile nicht nur in einschlägigen Kreisen. Wer seine Reize allzu offensiv hinausschreit wird leicht uninteressant. Geht man die Sache subtil und mit Geschmack an, wirds spannend.
In seinem Roman “11 Minuten” schreibt Paulo Coelho intensiv über das älteste Thema der Welt – und über den angeblich ältesten Beruf der Welt. Wer das Buch nicht kennt und diesen Satz liest, könnte leicht ein falsches Bild davon bekommen. Weit davon entfernt ein aufreizendes, erotisierendes Werk zu sein, wird hier in einfachen und schönen Geschichten eines der menschlichen Grundbedürfnisse ge- und beschrieben. Sanfte Erklärungen, leicht nachvollziehbar und niemals plump.
Rein marketingtechnisch könnte man sagen: da wär doch mehr drin gewesen! Da hätte man doch am Umschlag … und drinnen … und überhaupt: warum wird da in der Inhaltsangaben nicht laut und groß darüber geschrie(be)n?
Weil weniger eben mehr ist und das Buch eine ganze, runde Geschichte wunderbar erzählt, auf vielen Seiten, mit vielen Stationen. Lang genug um zu erklären und kurz genug um zu unterhalten. Es ist kein 30 Sekunden Spot, kein 16 Bogen Plakat und kein You-Tube-Video.
Die wahre Kunst einer erfolgreichen Werbekampagne besteht darin, in kurzer Zeit die Aufmerksamkeit soweit zu erregen, dass eine Geschichte im Kopf entsteht und verankert wird. So subtil als möglich, so laut als unbedingt nötig und mit dem Ziel, die Konsumenten für das “mehr” zu interessieren. Kurz gesagt: auf Paulo Coelhos “11 Minuten” in maximal 8-10 Sekunden nachhaltig aufmerksam zu machen und den Inhalt so anzureißen, dass er authentisch vermittelt wird und der Appetit, der Wunsch nach mehr geweckt ist.
Wer aber Sex als Hammer einsetzt und Geschmack, Gefühl, Sensibilität durch platte Plumpheit ersetzt, hat sich eine andere Linie ausgesucht. Nämlich die, mittels Marktgeschrei und “Hat man sowas schon gehört, gelesen, gesehen?!”-Rufen Aufmerksamkeit zu lukrieren. Frei nach dem Motto: Hauptsach´ es wird darüber geredet, gestritten, diskutiert und konsumiert.
Und das funktioniert auch, wie man mittlerweile seit 100 Jahren weiß.

