Social ist nicht sozial
In letzter Zeit ist es mir vermehrt und heute ganz besonders aufgefallen: die Veränderung des Begriffes “Social“.
Übersetzt bedeutet es “sozial“, was laut Wikipedia so definiert wird:
“… beinhaltet die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren, sich einfühlen zu können, das Wohl Anderer im Auge zu behalten (Altruismus) oder fürsorglich auch an die Allgemeinheit zu denken. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und nicht nur an sich selbst zu denken.”
(siehe Wikipedia-Eintrag)
Nur – wie sieht das im Zusammenhang mit dem kombinierten Begriff “Social Media” aus?
Ursprünglich und von einigen vielleicht noch als Medium/Plattform/Kommunikationsmittel gedacht, um mit anderen Menschen auf einer Augenhöhe, gleichrangig zu agieren, sich auszutauschen und im Bedarfsfall zu unterstützen.
Eine sehr altruistische Denkweise, im Ansatzgedanken sehr selbstlos gedacht. … oder besser: gewünscht.
Denn auch wenn der Begriff einem eine schöne heile Welt vorgaukeln mag, die Realität sieht das anders und ich vermute, dass die Gründung von Plattformen wie Facebook, Xing. Twitter und Google Plus nicht nur durch ritterliche oder großmütige Gedanken beeinflusst war. Schließlich kostet das ja auch Geld und Zeit (oft als ein und dasselbe betrachtet) und umsonst ist bekanntlich nur der Tod. Also gibt es auch wirtschaftliche Gründe neben den sozialen.
Dennoch: zu Beginn hat es gut ausgesehen. Zumindest besser als jetzt.
Zeit für eine kurze Befindlichkeitsanalyse:
… das vermutlich erste Netzwerk, dass diesen Namen auch verdient hat.
Früher: interessante Plattform, mit einer kleinen, subtilen Dynamik. Man konnte netzwerken und sich austauschen, in Gruppen schmöckern, Tipps geben und Infos finden …
Heute: eine interessante, gehaltvolle Adressdatenbank, man kann auch sagen ein leidlich gutes Online-CRM. Vom Design her mehr bei Facebook, vom Inhalte her mehr in die gelben Seiten.
Der meiste Infotraffic erfolgt bei den Veranstaltungs-Einladungen – wo die meisten nur leider nicht verstanden haben, dass es wenig Sinn macht Menschen, die 1.000e Kilometer weit weg sind, zu einer Präsentation rund um die saisonale Entwicklung der Honigbiene einzuladen. … nichts gegen Honigbienen, sind echt super und sehr wichtig. Aber für mich kein Grund in einen Flieger zu steigen.
Andere verwechseln die Einladungen zu Veranstaltungen mit einem Newsletter – nett gemeint, dumm gelaufen. Denn dafür gibts bessere, sinnvollere Tools.
… der ehemalige Rowdie und Rebell unter den Plattformen – heute Marktführer.
Früher: Gedacht, damit sich Studenten untereinander unterhalten und austauschen können. Bot schnelle Vernetzung und einen Hauch von Hippie-Feeling, aber viel cooler.
Heute: ein Infokanal und Massen-Kommunikationsmedium. Ein Unternehmen kann es sich kaum mehr leisten, nicht dabei zu sein. Wer sauer auf jemanden ist, der schreit es laut raus und lässt andere an seinem Frust teilhaben.
Das Faszinierende: die Frustwut und das Mitteilen derselben verändern tatsächlich etwas. Davon zeugen zahlreiche “Shitstorms“, die in den letzten Wochen über Firmenseiten hereingebrochen sind … wobei schon die Erfindung eines Wortes wie “Sch….ßesturm” interessante philosophischen Diskussionen auslösen könnte.
Konzentriertes Arbeiten und soziales Netzwerken im ursprünglichen Sinne gibt es aber auch – bevorzugt in Gruppen, wo Regeln die Form und den Sinn wahren helfen und die Mitgliedschaft selektiv vergeben wird.
Seit dem Umstieg auf die neue Chronik steht das persönliche Schaufenster (Profil genannt) optisch stärker im Vordergrund und in Kombination mit einer Firmenseite kann man sagen, dass es ernsthafte Konkurrenz für Websites gibt – denn wenn die Firmenseiten auf Facebook auch nur annähernd an das Layout der neuen Profile angepasst werden, könnte man mit seiner vrtuellen Firmenpräsenz gleich ganz zu Facebook umziehen. Sind ja eh schon fast alle dort … sagen zumindest die Statistiken.
… der Nachrichtendienst der Revolutionäre und all jener, die anderen gern mitteilen, dass sie jetzt Twittagessen gehen.
Früher: ein Nachrichtendienst, der auf Grund der Kürze seiner Nachrichten und der Möglichkeit, diese mittels sog. “Hashtags” zu selektieren stark an die Telegramme aus früheren Zeiten erinnerte. Die wurden auch nur für wichtige News genutzt und sehr knapp gehalten.
Heute: … ehrlich gesagt, ich bin für ein rigoroses Einstellen des sog. Follow-Friday. Die alte Idee, an einem Tag in der Woche seine persönlichen Lieblingstwitterer den anderen zu empfehlen,ist dermaßen ausgeartet, dass es fast die Mehrzahl der News nur noch aus einer Ansammlung von Twitternamen bestehen – nicht nur am Freitag.
Der nach wie vor große Vorteil: man kann die Meldungen mittels der “Hashtags” selektieren. Doch die Menge wird immer unüberschaubarer. Und die Gefahr, seine Follower zu vergrämen, weil man nicht sofort und in der Minute auf einen Tweet mit persönlicher Adressierung reagiert hat, wird immer größer.
Twitter war immer ein wenig stressig. Das ist eher mehr als weniger geworden und der Infogehalt ist gesunken.
Google Plus
… so neu, dass man es noch einen Frischebonus hat, doch durch seine Mutter Google schon so mächtig, dass es ein wenig Angst macht.
Früher: gabs das noch nicht, drum wurde es eben erfunden. Und offenbar war man sich nicht sicher, woran man sich orientieren sollte – an Facebook oder an Twitter. Also hat man sich das vermeintlich Beste von beiden rausgesucht, es zusammengewürfelt und gründlich überarbeitet. Das Überarbeiten hält noch an, doch das Ergebnis gibt es schon:
Heute: steht ein paar Absätze weiter oben, dass man es sich als Unternehmen fast nicht mehr leisten kann, auf Facebook nicht dabei zu sein, so kann man es sich definitiv nicht mehr leisten, auf Google Plus nicht dabei zu sein.
Nur damit das auch mal klar ist: Google Plus ist ein Produkt von Google. Google ist die größte und bedeutendste Suchmaschine. Wer nicht in Google gefunden wird, der existiert nicht. Welche logische Schlussfolgerung ergibt sich aus diesem Wíssen?
Der Effekt davon: das Vorherrschen eines Gefühls von hysterischer Panik und “Ich muss unbedingt dabei sein, sonst gibt es mich nicht – aber es soll um Himmels Willen locker und flockig ausschauen“.
Schade, denn die Grundidee hinter G+ ist prickelnd: man kann sich die Leute, die man mit seinen Infos beglücken will, aussuchen – die gibt man dann in einen eigenen Kreis. Sinnvoll wäre es nun, wenn man die Kreise auch inhaltskonform füttern würde.
Weil das System aber neu ist und ein gänzlich anderes, als das bisherige Social-Media Denken voraussetzt, passiert es aktuell, dass man eine chaotische Mischung aus lustig-wichtig-hysterisch-cool und Massenwerbung erhält. Doch G+ ist ja noch jung und wir werden es vielleicht noch lernen … sofern man die übermächtige Mama geistig beiseite schieben kann.
Linked In
… das amerikanische Xing.
… und kann damit in der Gegenüberstellung Früher-Heute an die Xing-Analyse weiter oben anschließen.
Ergänzend sei aber noch hinzugefügt: heute kann man bei LinkedIn sein Profil mit einer direkten Einbindung seines Weblogs ergänzen, man kann seine Tweets anzeigen lassen (nein, ich meine nicht das sinnlose Durchschalten seiner Meldung, sondern das gezielte Darstellen seines Twitter-Streams) und rein optisch bietet es einen sehr aufgeräumten Designzusammenschluss von Facebook und Xing – nur übersichtlicher.
Leider aber nach wie vor bei uns noch nicht so verbreitet und daher in dieser Aufstellung das Schlusslicht.
Anmerkung/Ergänzung: leider stellt LinkedIn die Twitter-Applikation per 31.01.12 ab … schade drum.
Infos dazu gibt es hier: LinkedIn und Twitter gehen getrennte Wege
Fazit
Spannend diese Entwicklung der sozialen, virtuellen Netzwerke, auch Social Media Plattformen oder Sociale Networks genannt.
Doch vom ursprünglichen Wert des Wortes “sozial” sind sie allesamt weit entfernt.
Vermutlich liegt das aber weniger an den Layouts, der Technik, der Aufmachung oder der Einfachheit der Anwendung. Die Umsetzung der Wortes “sozial” oder “social” muss durch den erfolgen, der vorm Bildschirm sitzt.
Das sind wir – auch AnwenderInnen, UserInnen, KonsumentInnen oder Menschen genannt.
Artikel/Beiträge mit thematischem Bezug:



Keine Kommentare
Trackbacks/Pingbacks